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Sonntag, 12. Januar 2014

Quenelle – das Schreckgespenst der französischen Führungsschicht

quenelle Quenelle   das Schreckgespenst der französischen Führungsschicht

Dieudonné M’Bala M’Bala zeigt seinen umstrittenen Gruß “La Quenelle” – “das Klößchen”. Die französische Regierung will jetzt gegen den Komiker vorgehen.— Foto: dieudoshere.com
Dieser ursprünglich in den USA erschienene Artikel versucht, Ausländern die hysterische Verketzerung des beliebtesten Komikers des Landes, Dieudonné M‘Bala M‘Bala,  durch die französische Regierung zu erklären. Diana Johnstone ergreift die Gelegenheit und zeigt auf, warum und wie die französische Führungsschicht alle republikanischen Werte aufgibt, an die sie glaubte.
von Diana Johnstone (nach einer Übersetzung von Horst Frohlich, überarbeitet von politaia.org)

abdullah hollande 300x156 Quenelle   das Schreckgespenst der französischen Führungsschicht
Saudi-Arabien stellt der libanesischen Armee drei Milliarden Dollar für Waffenkäufe zur Verfügung. Mit dem Geld würden Rüstungsgüter aus Frankreich beschafft. Die Zionisten König Abdullah Bin Abdulaziz und der französische Präsident François Hollande verstehen sich bestens beim Thema, wie man Frieden im Nahen Osten sabotiert.

In Paris beginnen die traditionellen Medien und die Politiker das neue Jahr mit einem gemeinsamen Entschluss für 2014: einen französisch-afrikanischen Komiker dauerhaft mundtot zu machen, der bei jungen Leuten zu beliebt wird.


Zwischen Weihnachten und Neujahr war es ausgerechnet der Präsident der Republik, François Hollande, der bei einem Besuch in Saudi-Arabien anlässlich der Unterzeichnung großer Handelsabkommen sagte, dass seine Regierung einen Weg finden müsse, die Auftritte des Komikers Dieudonné M‘Bala M‘Bala zu verbieten. Auch der französische Innenminister Manuel Valls blies in dasselbe Horn.
Innenminister Manuel Valls, ein gebürtiger Katalane
Der Führer der konservativen Oppositionspartei UMP, Jean-François Copé, gab dazu sofort seine Zustimmung und seine “totale Unterstützung” ab, den unkontrollierbaren Schauspieler zum Schweigen zu bringen.

Mitten in diesem einstimmigen Medien-Chor schrieb die Wochenzeitschrift Le Nouvel Observateur einen Leitartikel, dass Dieudonné “bereits tot“, ausgelaugt, fertig sei. Die Redaktion diskutierte offen über die beste Taktik: Man solle versuchen, ihn wegen “Anstiftung zum Rassenhass” ins Gefängnis zu stecken, oder seine Auftritte aufgrund der möglichen „Gefährdung der öffentlichen Ordnung“ zu verbieten. Zudem könne man auf die Gemeinden Druck auszuüben, indem man  ihre Kultursubventionen reduziere, wenn sie Dieudonné auftreten ließen.
Das Ziel von Manuel Valls, Chef der Nationalpolizei, ist klar, aber die Staatsmacht sucht noch der geeigneten Methode.
Das spöttische Klischee lautet,  “Dieudonné kann niemanden mehr zum Lachen bewegen.”
Der Führer der konservativen
Oppositionspartei UMP, Jean-François Copé
ist der Sohn des Krebsspezialisten
Roland Copé und dessen
Ehefrau Monique Ghanassia
In Wirklichkeit trifft das Gegenteil zu. Und da ist auch das Problem. Auf seiner letzten Tour durch französische Städte zeigen die Videos große Säle voller Leute, die sich über ihrem Lieblingskomiker schier krummlachen. Er popularisierte eine einfache Geste, die er Quenelle [Klößchen] nennt. Diese Geste wird von jungen Leuten in ganz Frankreich imitiert. Sie bedeutet ganz einfach und klar:” Wir haben die Schnauze voll.”





Als Vorwand für die Zerstörung Dieudonnés haben die wichtigsten jüdischen Organisation, der CRIF (Ratsvertreter der jüdischen Institutionen Frankreichs, das französische Äquivalent der AIPAC) und die LICRA (Internationale Liga gegen Rassismus und Antisemitismus), die besondere Privilegien im französischen Recht genießt [1], eine extravagante Geschichte herausgegeben, die Dieudonné und seine Anhänger als “Nazis” abstempelt. Die Quenelle ist natürlich nur eine unflätige Geste, die etwa “im Arsch” bedeutet, mit einer auf den anderen nach unten zeigendem Arm gelegten Hand, um die Länge der Quenelle anzuzeigen.
Aber für den CRIF und die LICRA ist die Quenelle „ein Nazi-Gruß in umgekehrter Richtung“. (Man kann nie “wachsam” genug sein, wenn man einen versteckten Hitler sucht).
Wie jemand erwähnte, kann ein “umgekehrter Nazi-Gruß ” gut als Anti-Nazi betrachtet werden, falls die Geste etwas mit “Heil Hitler” zu tun hätte. Aber das ist eindeutig nicht der Fall.
Trotzdem übernehmen die Medien diese Behauptung einfach oder behaupten zumindest, dass “manche die Quenelle als einen umgekehrten Nazi-Gruß betrachten.” Egal, dass diejenigen, die diese Geste praktizieren, genau wissen, was sie bedeutet: „N*que le système“ [F*** the system!]
Aber inwieweit sind der CRIF und die LICRA “das System”?

Frankreich hat ein großes Lach-Bedürfnis

dieudonne1 207x300 Quenelle   das Schreckgespenst der französischen FührungsschichtDie französische Industrie verschwindet allmählich, mit Fabriken, die eine nach der anderen schließen. Die Besteuerung von einkommensschwachen Bürgern ist im Vormarsch, um die Banken und den Euro zu retten. Die Enttäuschung über die Europäische Union wird immer stärker. Die EU-Vorschriften verhindern jegliche ernsthafte Schritte, um den Zustand der französischen Wirtschaft zu verbessern. In der Zwischenzeit schwingen die Politiker von Links und Rechts weiterhin ihre hohlen Reden, geschmückt mit Klischees über “Menschenrechte” – vor allem als Vorwand für einen Krieg im Nahen Osten oder für Schmähreden gegen China und Russland. Der Anteil der positiven Meinungen über Präsident Hollande ist auf 15 % gesunken. Noch wählen die Leute, aber mit dem Ergebnis der gleichen, von der EU beschlossenen Politik.
Warum konzentriert also die herrschende Klasse ihre Anprangerung auf „den talentiertesten Humoristen seiner Generation” (so wie seine Kollegen zugeben, selbst wenn sie ihn auch denunzieren)?
Eine kurze Antwort ist wahrscheinlich die, dass die steigende Popularität von Dieudonné bei der Jugend eine Vergrößerung der Kluft zwischen den Generationen bedeutet. Dieudonné macht seine Scherze auf Kosten des gesamten politischen Establishments. Was zu einer Flut von Beleidigungsanzeigen führt und zu Ansätzen, seine Aufführungen zu verbieten, ihn finanziell zu ruinieren und sogar ins Gefängnis zu stecken. Die verbalen Angriffe bieten günstige Umstände für körperliche Angriffe gegen ihn. Vor ein paar Tagen wurde sein Assistent Jacky Sigaux am helllichten Tag von mehreren maskierten Männern vor dem Rathaus des 19. Bezirks – direkt gegenüber dem Park der Buttes-Chaumont – körperlich angegriffen. Er hat Klage eingereicht.
Aber welchen Schutz können wir seitens einer Regierung erwarten, deren Innenminister, Manuel Valls – zuständig für den Polizei – versprochen hat, Wege zu finden, um Dieudonné zum Schweigen zu bringen?
Dieser Fall ist wichtig, aber es ist fast sicher, dass er in den Medien außerhalb Frankreichs nicht richtig behandelt werden wird, – genauso, wie er in der französischen Presse nicht korrekt behandelt wird, welche die Quelle von fast allem ist, was im Ausland gemeldet wird. Probleme im Zusammenhang mit der Übersetzung, ein Anteil von Missverständnissen und Falschdarstellung kommen noch zur Verwirrung hinzu.

 Warum hassen sie ihn?

Dieudonné M’Bala M’Bala kam  vor 48 Jahren in den Vororten von Paris auf die Welt. Seine Mutter war eine Weiße aus der Bretagne, sein Vater war ein Afrikaner aus Kamerun. Dies sollte aus ihm ein Modell-Kind des “Multikulturalismus” machen, den die vorherrschende Ideologie der Linken zu fördern sucht. Und während des ersten Teils seiner Karriere, im Duo mit seinem jüdischen Freund Elie Semoun, war er genau das: Er machte Kampagne gegen den Rassismus, konzentrierte seine Angriffe auf den Front National, und präsentierte sich sogar bei den Kommunalwahlen gegen einen Kandidaten des Front National in Dreux, eine Schlafstadt 90 Kilometer westlich von Paris, wo er wohnt. Wie die besten Humoristen hat Dieudonné immer die aktuellen Ereignisse aufs Korn genommen, aber mit ungewöhnlichem Engagement und seltener Würde in seinem Beruf. Seine Karriere blühte auf, er spielte in Filmen, wurde im Fernsehen eingeladen und arbeitete dann allein. Er ist ein sehr guter Beobachter, brillanter und subtiler Nachahmer von verschiedenen Arten von Persönlichkeiten und Volksgruppen, seien es nun Afrikaner oder etwa Chinesen.
dieudonne2 Quenelle   das Schreckgespenst der französischen FührungsschichtVor zehn Jahren, am 1. Dezember 2003, war er Gast in einer Fernsehsendung mit dem Titel „On ne peut pas plaire à tout le monde“ [Man kann es nicht allen recht machen], einem sehr passenden Namen.  Dieudonné war als “zum extremistischen Zionismus Konvertierter” vage verkleidet auf die Bühne gekommen und schlug den anderen Protagonisten vor, „Mitglied der guten israelisch-amerikanischen Achse“ zu werden. Diese relativ moderate Infragestellung der “Achse des Bösen” von George W. Bush schien völlig im Einklang mit der Zeit. Der Sketsch endete mit einem kurzen “Isra-Heil“-Gruß. Das war weit entfernt von dem Dieudonné der Anfangszeit, aber der populäre Komiker wurde von den anderen Akteuren dennoch mit Begeisterung  begrüßt, während das Publikum ihm stehenden Applaus gab.
Das Ganze fand im ersten Jahr des US-Angriffs auf den Irak statt und Frankreich hatte seine Beteiligung verweigert, was in Washington dazu führte, die französischen „pommes frites“ (Belgisch in Wirklichkeit) auf “freedom fries” umzutaufen. Danach begannen die Proteste, insbesondere im Hinblick auf die Schluss-Geste, die als eine Gleichsetzung zwischen Israel und Nazi-Deutschland aufgefasst wurde.
“Antisemitismus!” rief man, auch wenn das Ziel des Sketsches Israel und die USA  und ihre Verbündeten im Nahen Osten waren. Die Forderungen, seine Aufführungen zu verbieten, ihn vor Gericht zu verklagen und seine Karriere zu zerstören, vervielfältigten sich. Dieudonné versuchte zu erklären, dass sein Sketsch nicht die Juden als solche beträfe, aber anders als Andere vor ihm entschuldigte er sich nicht für eine Beleidigung, die er seinem Erachten nach nicht begangen hatte. Warum gab es keine Proteste seitens der Afrikaner, die er verspottet? Oder der Moslems oder der Chinesen? Warum hat eine einzige Gemeinschaft mit so viel Wut reagiert?
Dann kam ein Jahrzehnt der Eskalation. Die LICRA begann mit einer langen Serie von gerichtlichen Klagen gegen ihn (“Aufforderung zu Rassenhass”), die sie am Anfang verlor, aber dennoch nicht einstellte. Statt nachzugeben, stieß Dieudonné nach jedem Angriff seine Kritik am “Zionismus” weiter voran. Zur gleichen Zeit wurde Dieudonné allmählich von den Fernsehstudios gemieden und von den Mainstream-Medien wie ein Paria behandelt. Erst die jüngste Flut von Internet-Bildern, welche die von jungen Leuten gemachte Geste der Quenelle zeigen, brachte das Establishment zum Entschluss, dass ein frontaler Angriff effektiver wäre als der Versuch, sie zu ignorieren.

 Der ideologische Hintergrund

Wenn man die Bedeutung der Dieudonné-Affäre verstehen will, muss man den ideologischen Kontext kennen. Aus Gründen, die zu komplex sind, um sie hier vorzustellen, gibt es die französische Linke praktisch nicht mehr, deren Hauptanliegen einst das Wohlergehen der Arbeitnehmer, soziale Gerechtigkeit, Kampf gegen Angriffskriege und Meinungsfreiheit  waren. Die Rechte gewann die entscheidende Schlacht um die Wirtschaft mit dem Triumph der Strategien, welche die Währungsstabilität und die Interessen des internationalen Finanzkapitals (“Neoliberalismus”) fördern. Als Trostpreis hat die Linke eine bestimmte ideologische Vorherrschaft, basierend auf Anti-Rassismus, Anti-Nationalismus und das Engagement für die Europäischen Union – und sogar das hypothetische “soziale Europa”, das sich schnell als eine Träumerei herausstellte. In der Tat fällt diese Ideologie perfekt mit einer Globalisierung zusammen, die sich den Anforderungen des Internationalen Finanzkapitals unterwirft.
dieudonne3 200x300 Quenelle   das Schreckgespenst der französischen FührungsschichtAus Mangel an einer echten sozialen und wirtschaftlichen Linken, versank Frankreich in einer Art “Identitätspolitik”, die sowohl Multikulturalismus verherrlicht, als auch vehement gegen “Kommunitarismus” agiert…….. Aber manche ethnische Besonderheiten sind noch weniger willkommen als andere. Der islamische Schleier wurde zuerst in den Schulen verboten und Forderungen, ihn im öffentlichen Raum zu verbannen, werden immer aktueller. Der Niqab und die Burka sind zwar selten, aber gesetzlich verboten. Kontroversen über Halal-Essen brechen in Kantinen aus, über Gebete auf öffentlichen Straßen, während Karikaturen regelmäßig den Islam verspotten. Egal, wie man darüber denkt, der Kampf gegen den Kommunitarismus kann von manchen als ein Kampf angesehen werden, der gegen eine bestimmte Gemeinschaft gerichtet ist. Gleichzeitig stehen die französischen Politiker an der Spitze der Kriegstreiber gegen die muslimischen Ländern wie Libyen und Syrien, während sie ihre Ergebenheit gegenüber Israel zur Schau tragen.
Parallel dazu ist eine andere Gemeinschaft dauerndes Objekt liebevoller Fürsorge. In den letzten 20 Jahren, während die religiöse Praxis und das politische Engagement merklich nachgelassen haben, wurde der Holocaust -  in Frankreich Shoah genannt – allmählich zu einer Art Staatsreligion. Die Schulen feiern jedes Jahr den Holocaust, er dominiert in einem historischen Bewusstsein, das wie andere Aspekte der Sozial- und Geisteswissenschaften auf dem Rückzug ist. Insbesondere ist der Aspekt der Shoah der einzige, der von allen Ereignissen der langen Geschichte Frankreichs durch ein Gesetz geschützt wird.
Das so genannte Gayssot-Gesetz verbietet jede Infragestellung der  Geschichte der Shoah, eine absolut beispiellose Beeinträchtigung der Meinungsfreiheit. Darüber hinaus wurden bestimmten Verbänden wie der LICRA Privilegien zugestanden, um Einzelpersonen vor Gericht auf Grund von “Anstiftung zum Rassenhass” (sehr breit und ungleich ausgelegt) verfolgen zu können, mit der Möglichkeit, Schadenersatz und Zinsen im Namen der “beleidigten Gemeinschaft” einkassieren zu können. In der Praxis werden diese Gesetze vor allem für die Verfolgung des angeblichen “Antisemitismus” und “Revisionismus” der Shoah verwendet. Auch wenn sie oft von den Gerichten abgewiesen werden, gestatten solche rechtliche Maßnahmen Belästigungen und Einschüchterungen. Frankreich ist eines der wenigen Länder, wo die BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestition, Sanktionen) gegen die israelischen Koloniesiedlungen wegen “Anstiftung zum Rassenhass” auch vor Gericht angefochten werden kann.
Die gewalttätige Organisation Ligue de Défense Juive (LDJ) [jüdische Verteidigungs-Liga], die in den USA und selbst in  Israel verboten wurde, ist bekannt für zusammengeschlagene Buchhandlungen oder Angriffe auf isolierte Einzelpersonen, manchmal auch auf alte Leute. Wenn die Angreifer identifiziert sind, ist die Flucht nach Israel ein guter Ausweg. Die Opfer der LDJ erwecken in den öffentlichen Medien niemals eine vergleichbare massive Empörung, wie das der Fall ist, wenn ein jüdischer Bürger einen grundlosen Angriff erleidet. Darüber hinaus gehen die Politiker mit dem gleichen Eifer zum jährlichen Dinner des CRIF, wie amerikanischen Politiker zum AIPAC-Abendessen gehen – nicht um ihre Wahlkämpfe zu finanzieren, sondern ihr Wohlwollen unter Beweis zu stellen.
Frankreich hat die größte jüdische Gemeinde in Westeuropa, eine Bevölkerung, die der Abschiebung während der deutschen Besatzung weitgehend entgangen ist, während der die jüdischen Immigranten in Konzentrationslager deportiert wurden. Neben einer jüdischen Gemeinde, die seit langem etabliert ist, gibt es viele Neulinge mit Ursprung aus Nordafrika. All dies trägt zu einer Bevölkerung mit sehr dynamischem Erfolg bei, sehr präsent in den sichtbarsten und beliebtesten Berufen (Journalismus, Show-Business, wie auch Wissenschaft und Medizin u.a.).
Von allen französischen politischen Parteien ist die Sozialistische Partei (vor allem über die Arbeiter-Partei von Shimon Peres, der Mitglied der Sozialistischen Internationale ist) diejenige, die die engsten historischen Verbindungen mit Israel hat. In den 1950er Jahren, als Frankreich die algerische nationale Befreiungsbewegung bekämpfte, hatte die französische Regierung (über Peres) zur israelischen Produktion von Atomwaffen beigetragen. Heute ist es nicht die Arbeiter-Partei, die Israel führt, sondern die extreme Rechte. Der letzte Freundschaftsbesuch von François Hollande bei Benjamin Netanjahu zeigte, dass der Rechtsdrall des politischen Lebens in Israel die Beziehungen absolut nicht beeinträchtigt hat, ja, sie sogar enger als je zuvor erscheinen.
Dennoch ist die jüdische Gemeinde sehr klein im Vergleich zu der Vielzahl der arabischen Einwanderer aus Nordafrika oder der schwarzen Einwanderer aus den ehemaligen französischen Kolonien in Afrika. Vor einigen Jahren hatte Pascal Boniface, renommiertes Mitglied der Intellektuellen, vorsichtig die Führer der Sozialistischen Partei gewarnt, dass ihre Vorliebe für die jüdische Gemeinde letztendlich Wahlprobleme verursachen könnte. Diese Warnung war in einem Dokument einer politischen Analyse enthalten und hatte einen Aufschrei provoziert, der ihn fast seine Karriere gekostet hatte.
Aber die Tatsache bleibt: Als Franzose arabischer und afrikanischer Herkunft hat man leicht das Gefühl, dass der “Kommunitarismus“, der wirklich Einfluss hat, der jüdische Kommunitarismus ist.

 Die politische Verwendung des Holocaust

Norman Finkelstein hat vor einiger Zeit gezeigt, dass der Holocaust für wirklich wenig noble Zwecke benützt werden kann,  wie beispielsweise Gelder von Schweizer Banken zu erpressen. Allerdings ist die Situation in Frankreich ganz anders. Es gibt wenig Zweifel, dass die ständigen Erinnerungen an die Shoah als eine Art Schutz für Israel gegen die Feindseligkeit wirken, die durch die Behandlung der Palästinenser generiert wird. Aber die Religion des Holocaust hat eine tiefer greifende politische Auswirkung, die keine direkte Verbindung mit dem Schicksal der Juden hat.
Mehr als alles andere wurde Auschwitz als Symbol dafür interpretiert, wozu der Nationalismus führt. Der Hinweis auf Auschwitz wurde verwendet, um Europa ein schlechtes Gewissen einzureden, und besonders den Franzosen, wenn man berücksichtigt, dass ihre relativ bescheidene Rolle in diesem Fall [Auschwitz] eine Folge der militärischen Niederlage und Besetzung des Landes durch die deutsche Wehrmacht gewesen ist. Bernard-Henri Lévy, der Schriftsteller, dessen Einfluss in den letzten Jahren in groteskem Verhältnis wuchs (er hetzte Präsident Sarkozy in den Krieg gegen Libyen), begann seine Karriere, indem er argumentierte, dass “Faschismus” die authentische “französische Ideologie” sei. Schuld, Schuld, Schuld. Da man aus Auschwitz das bedeutendste Ereignis der Zeitgeschichte gemacht hatte, rechtfertigen eine Reihe von Schriftstellern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens die wachsende Macht der Europäischen Union als notwendige Erneuerung der europäischen, grundsätzlich “schlechten” Nationen. Nie wieder Auschwitz! Die Nationalstaaten in einer technokratischen Bürokratie auflösen, befreit von dem emotionalen Einfluss der Bürger, die nicht richtig wählen könnten. Fühlen Sie sich als Franzose? Oder als Deutscher? Sie sollten sich dafür schämen – wegen Auschwitz.
Die Begeisterung der Europäer für die EU nimmt immer mehr ab, weil diese ihre Volkswirtschaften ruiniert und ihnen jede demokratische Kontrolle auf sie entzieht. Sie können für die  Homo-Ehe stimmen, nicht aber die kleinste Keynes‘sche Maßnahme und noch weniger für eine soziale Maßnahme. Die Schuld für die Vergangenheit soll zumindest ihre Loyalität gegenüber dem europäischen Traum aufrechterhalten.
Die Fans von Dieudonné sind – nach den Fotos zu urteilen – vor allem junge Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren zu sein. Sie sind gut zwei Generationen nach dem zweiten Weltkrieg geboren. Sie haben ihr Leben lang über die Shoah sprechen hören. Mehr als 300 Pariser Schulen tragen eine Gedenktafel über das katastrophale Schicksal jüdischer Kinder, die in Konzentrationslager deportiert wurden. Was kann die Wirkung von alldem sein?
Für viele, die lange nach diesen schrecklichen Ereignissen geboren wurden, scheint es, dass jeder sich schuldig fühlen müsse, – wenn schon nicht für das, was sie nicht getan haben, dann zumindest für das, was sie gemacht hätten, wenn sich dazu  die Gelegenheit geboten hätte…..
Als Dieudonné “Chaud Cacao” (heißer Kakao), ein altes, ein bisschen rassistisches, “tropisches” Lied in “Shoah Ananas” umwandelte, wurde der Refrain von den Dieudonné-Fans begeistert angenommen. Ich hoffe, dass sie nicht die wirkliche Shoah verspotten, sondern eher diejenigen, die sie die ganze Zeit an Ereignisse erinnern, um ihnen ein Gefühl der Schuld, der Bedeutungslosigkeit und der Schwäche einflößen. Ein Großteil dieser Generation hat das Gerede über den Zeitraum von 1939-1945 satt, während ihre eigene Zukunft sich düster ausnimmt.

 Niemand weiß, wann aufhören

Letzten Sonntag hat Nicolas Anelka, ein bekannter Afro-belgischer Fußballspieler [2], der in England spielt, eine Quenelle gemacht, nachdem er ein Tor geschossen hatte – aus Solidarität mit seinem Freund Dieudonné M‘Bala M‘Bala -. Nach dieser einfachen und grundsätzlich unbedeutenden Geste, hat der Tumult neue Höhen erreicht.
In der französischen Nationalversammlung vertritt Meyer Habib die “Franzosen aus dem Ausland” – darunter 4000 Israelis französischer Herkunft [3]. Am vergangenen Montag hat er getweeted: „Die Quenelle von Anelka ist unerträglich! Ich werde einen Gesetzesantrag vorlegen, um diesen neuen von Antisemiten praktizierten Nazi-Gruß zu bestrafen.“
Frankreich hat Gesetze verabschiedet, um den “Antisemitismus zu bestrafen”. Das Ergebnis ist umgekehrt. Solche Bestimmungen zielen einfach darauf ab, die alte Idee zu bestätigen, dass die “Juden das Land dirigieren” und tragen zum Aufstieg des Antisemitismus bei. Wenn junge Franzosen einen Franco-Israeli sehen,der versucht, eine einfache Geste in ein Delikt zu verwandeln, wenn die jüdische Gemeinde mobilisiert, um ihren Lieblingskomiker zu verbieten, kann das den Antisemitismus nur noch schneller stärken.
Das Kräfteverhältnis in dieser Eskalation ist sehr ungleich verteilt. Ein Komiker hat  nur seine Worte und Fans als Waffen, die verschwinden könnten, wenn die Situation sich zuspitzt. Auf der anderen Seite aber türmt sich die vorherrschende Ideologie und die Macht des Staates.
In einem solchen Konflikt hängt der  zivile Frieden von der Weisheit und der Kapazität jener ab, die die Macht haben, Zurückhaltung zu zeigen. Wenn sie nichtso handeln, könnte es ein Spiel ohne Sieger werden.

Quelle

1 Kommentar:

  1. " (...)...wurde der Holocaust - in Frankreich Shoah genannt – allmählich zu einer Art Staatsreligion. Die Schulen feiern jedes Jahr den Holocaust, er dominiert in einem historischen Bewusstsein, das wie andere Aspekte der Sozial- und Geisteswissenschaften auf dem Rückzug ist. Insbesondere ist der Aspekt der Shoah der einzige, der von allen Ereignissen der langen Geschichte Frankreichs durch ein Gesetz geschützt wird."

    Spätestens hier müsste O-Normalverbraucher eigentlich kapieren was Sache ist : Frankreich, quasi selbst "verfolgt" durch ein durch Nazis besetztes Land das mit der Judenverfolgung an sich nix zu tun hatte muss ausgerechnet eben jenen jüdischen Opfern (von über 50 Millionen Kriegsopfern des WWII) "per Dekret" huldigen.

    Völlig absurd, der blanke Hohn.

    Von den grotesken Anschuldigungen gegen M'Bala braucht man da nicht einmal anfangen.
    Es wäre schön wenn sich die "Quenelle" in € ausbreiten würde. Schon allein aus Solidarität.

    Die paranoide Hysterie von Seiten der Medien und der Politik erklärt sich durch die bekannte römische Anekdote über den Senator der vorschlug Roms Sklaven mit einem
    Erkennungsband zu kennzeichnen, worauf die Antwort kam, dass es nicht ratsam sei den Sklaven bewusst zu machen wie viele es wirklich von ihnen im Römischen Reich gibt.

    Ausserdem könnte es durchaus auch sein, dass unseren "erlauchten" Führungsriegen angesichts der Dinge die da bereits heranrollen, allmählich ganz einfach der A**** auf Grundeis geht.

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