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Freitag, 6. Februar 2015

Wie die “Springer”-Presse Yanis Varoufakis zum Judenfeind macht

DER GRIECHISCHE FINANZMINISTER SEI EIN ANTISEMIT, WEIL ER EINEN GANZ BÖSEN JUDEN GUT FINDET. SIE WERDEN ÜBERRASCHT SEIN, WER DAMIT GEMEINT IST. EIN LEHRBEISPIEL RECHTER PROPAGANDALÜGEN.

Yanis KFIn den dunklen Seiten des Internets, rechter Blogs und Stürmers Springers Kampfpostillen ist gerade kein “Argument” blöd genug, um die Schrecklichkeiten der Syriza-Minister anzuprangern. Eine besonders lustige Variante durfte man dieser Tage erleben: Da enthüllte ein antisemitisches Hetzblog, dass die “Syriza-Regierung von George Soros kontrolliert” wird – weil Finanzminister Yanis Varoufakis immer wieder anerkennend über den Investor, Mäzen und Denker Soros spricht. Dabei hatte tags davor in Springers “Welt” ein Nachwuchs-Agitprop-Autor Namens Thomas Weber noch herausgefunden, dass Varoufakis ein ganz fürchterlicher Antisemit ist (“So judenfeindlich sind Tsipras und seine Leute”).
Wir dürfen also feststellen: Die Syriza-Leute sind Antisemiten, die von den Juden kontrolliert werden. Wahnsinn! Dass das nicht gleich aufgefallen ist.

Man könnte einfach darüber lachen und sollte es wohl auch. Da aber im Zitierkartell deutscher Neokons, die sich offenbar gerade zur üblem Nachrede gegenüber der Syriza-Regierung verschworen haben, das Spiel so abläuft, dass der eine hanebüchene Vorwürfe formuliert, und davon dann alle anderen abschreiben, und zwar ohne die Vorwürfe auch nur zu prüfen, wollen wir sie uns genauer ansehen. Das ist ja eine der übelsten Praktiken in dem Spiel: Wenn einer einmal etwas in einer Zeitung geschrieben hat, dann schreibt der nächste, wie zum Beispiel heute Jan Fleischhauer in “Spiegel-Online”, die “Welt” habe “dargelegt, wie weit die Judenfeindlichkeit bei Tsipras und seinen Leuten geht”. Das heißt: Das ehrabschreibende Gerücht gilt dann plötzlich schon als wahr, nur weil es in einer Zeitung gestanden hat. Das ist ja eine üblichen Praxis der Denunzianten.
Worauf stützt sich also der Vorwurf? Im Grunde auf nicht viel. Yanis Varoufakis, der ja nicht nur ein weltläufiger Mann ist, sondern auch australisch-griechischer Doppelstaatsbürger, hat in einer australischen Radioshow einmal die Mauer, die Israel von den besetzen Gebieten trennt, ein “Beton-Monster” genannt. Darüber hinaus hat er noch ein paar andere Dinge gesagt, die jeder nachlesen kann und die in etwa der Haltung entsprechen, die auch die israelische Friedensbewegung einnimmt oder die bedeutendste seriöse Zeitung in Israel, Haaretz, in ihren Kommentaren vertritt. Ganz gewiss ist das nicht die Haltung, die von der israelischen Rechten oder Premier Benjamin Netanjahu vertreten wird. Aber nichts von dem, was Varoufakis sagte, kommt auch nur in die Nähe des antizionistischen Unsinns, den etwa Abgeordnete vom linken Rand der deutschen Linkspartei von sich geben, um nur ein Beispiel zu nennen.
Das hätte auch der “Welt”-Mann wissen müssen – nein, er weiß es, da er auf die völlig offene Quellenlage sogar verweist, indem er Links legt. Er hat ja diese Links wohl auch geöffnet und die Quellen gelesen. Das heißt: Er hat vorsätzlich ehrabschneidend agiert.
Die australische Chose hatte ein unangenehmes Nachspiel, da die Pressure-Group ICJS eine Kampagne gegen Varoufakis startete: Er sei ein Antisemit, weil er Israels Regierung kritisierte. Dem Radio-Sender SBS war das danach so peinlich, dass er kleinlaut verkündete, ja, Kritik an Israel kann “negative Stereotypisierungen gegenüber Juden verstärken”, und sich für Varoufakis Äußerungen entschuldigte. Sogar die “Australischen Jüdischen Nachrichten” zeigten sich überrascht, dass Kritik an der israelischen Regierungspolitik “erstmals von herausgehobener Stelle (also vom staatlichen Radio) als Sterotypisierung” gegenüber jüdischen Menschen bezeichnet wurde.
Nun muss man, um das wirklich beurteilen zu können, eine ganze Fülle von Äußerungen Varoufakis durchlesen. Denn wir wissen ja: Es gibt Leute, die Israel kritisieren, und damit tatsächlich antijüdische Ressentiments schüren wollen, und es gibt Leute, die dasselbe kritisieren, ohne auch nur in den vernünftigen Verdacht kommen zu können, Antisemitismus zu promoten. Es kommt da sehr stark auf die Zungenschläge an. Vorschnelles Freisprechen kann genauso doof sein wie vorschnelles Verurteilen. Wir wissen aber auch: Es ist heute eine beliebte Praxis israelischer Regierungsstellen und ihrer Supporter geworden, jeden Kritiker, wenn er nichtjüdisch ist, als Antisemiten zu denunzieren, und wenn er jüdisch ist als Agenten der Antisemiten mundtot zu machen.
Wenn man Varoufakis’ Äußerungen zum Thema liest, wird man sehr schnell feststellen, dass er über jeden Verdacht erhaben ist. Erstens weiß er, wovon er redet: Er war schon oft in Israel und auch in den besetzten Gebieten und fühlt sich der israelischen jüdischen Linken verbunden. In Reportagen, die er machte, erklärt er palästinensischen Taxifahrern, die mit der Hamas sympathisieren, dass sie mal nachdenken und begreifen sollen, dass sie Israel erst einmal anerkennen müssen, wenn sie ihre eigene Lebenssituation wirklich verbessern wollen. Er wirbt da einfach für Verständigung und Frieden, wie das jeder macht, der in der Region einen Beitrag zur Reduktion des Hasses leisten will. Man kann das naiv finden oder heroisch, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass nichts daran auch nur entferntest antisemitisch ist.
Wie die Denunzianten von der “Welt” arbeiten, sieht man an einem schönen Detailbeispiel. In der heftigsten Passage des Textes wird Varoufakis gar zum Feind “der gesamten Judenheit” erklärt, weil er sich begeistert über antizionistische Juden äußert, die Israel abschaffen wollen. Das belegt der Autor zwar nicht im Text, aber er legt als Beleg einen Link. Was ist in diesem Link zu lesen? Wer sind diese füchterlichen Juden, über die Varoufakis so begeistert ist?
Der Beweis, dass Varoufakis ein Feind “der gesamten Judenheit” ist, besteht darin, dass er Bruno Kreisky für einen großartigen Politiker hält. Dazu habe ich nun tatsächlich sogar ein wenig Insiderwissen beizutragen, weil ich daran beteiligt war. Ich habe Varoufakis 2012 ins Bruno Kreisky Forum eingeladen und er hatte sich sehr wohlwollend über die Kreiskysche Reformpolitik und die Leistungen der österreichischen Nachkriegssozialdemokratie geäußert. Er hatte gesagt, so etwas bräuchte Griechenland auch. Hinterher beim Heurigen Zimmermann haben wir noch lange darüber geredet. Ein gemeinsamer Freund hatte Varoufakis dann gesagt, er möge aufpassen, denn auch bei Kreisky war nicht alles Gold was glänzt. Kreisky habe Israel ungerecht kritisiert, sich mit Ex-Nazis als Minister umgeben und außerdem Simon Wiesenthal wüst beschimpft. Varoufakis hatte von all dem natürlich überhaupt keine Ahnung, sich danach aber sofort genau damit beschäftigt. Er schreibt dann in seinem Blog, wie er selbst Wiesenthal bewundert und wie er sich wünschen würde, “die beiden Männer (ie: Kreisky und Wiesenthal) hätten sich nicht dermaßen beschimpft”. Varoufakis stellt dann noch einige Überlegungen zum Verhältnis von Judentum, Sozialismus und Internationalismus im Denken Bruno Kreiskys an um dann zum Schluss zu kommen: “Ich bleibe bei meinem Enthusiasmus für den Mann Kreisky und bin weiter der Meinung, dass das Problem Europas darin besteht, dass wir heute keine Leute seines Formats in wichtigen Positionen haben.”
Wir sehen also: Der griechische Finanzminister ist wirklich ein fürchterlicher Antisemit und Feind der gesamten Judenheit.
Update: 
Mittlerweile berichtet auch das Portal Carta-Info über den Skandalartikel und zwar hier. Es wäre wohl angebracht, dass sich die “Welt” bei Yanis Varoufakis entschuldigt und den Text von der Website nimmt.
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