Aktuell

Montag, 7. Februar 2011

Denn das Land ist ein brennendes Nest


Der Schriftsteller und Journalist Khaled 
Alkhamissi wurde 1962 in Kairo 
geboren und studierte Politikwissenschaften
in Kairo und Paris. Sein Debütroman 
„Taxi“ wurde in der arabischen Welt
zum Bestseller und machte ihn auch
international bekannt.

Khaled Alkhamissi

Berlin - Anfang des Jahres kaufte mein Sohn eine Ausgabe der National Geographic, auf deren Umschlag in großen Lettern die Zahl „Sieben Milliarden“ stand. Dies ist die Zahl, auf die die Bevölkerung des Planeten Erde in diesem Jahr steigen wird. Als mein Sohn die Zeitschrift las, kam er zu mir und fragte mich verwundert: „Papa, weißt du, dass die Weltbevölkerung, als du vor weniger als fünfzig Jahren geboren wurdest, nicht mehr als drei Milliarden betrug? Das ist doch Wahnsinn.“

Wir diskutierten damals über die Gründe für diesen Bevölkerungsanstieg, und ich sagte zu ihm, dass zwei Drittel der Bevölkerung Ägyptens unter 25 Jahre alt sind, dass aber das letzte Drittel, zu dem ich altersmäßig gehöre, nach den ungeheuren technischen Entwicklungen der letzten zehn Jahre mehrheitlich aus der Geschichte gefallen ist. Wir sprachen lange über die ägyptischen Jugendlichen, und wie sie sich mit ihrem Wissen und ihren Werten zum Beispiel von meiner Generation unterscheiden.

Natürlich hatte ich nicht geahnt, dass nur wenige Tage nach diesem Gespräch genau jene Jugendlichen die größte ägyptische Revolte seit der Revolution von 1919 auf die Beine stellen würden, eine Revolte, die als „Veranstaltung“ auf Facebook ihren Anfang nahm und die die Jugendlichen als „Tag des 25. Januar, Tag der Revolution gegen Armut, Arbeitslosigkeit und Unterdrückung“ bezeichneten.

Ebenso wenig ahnte ich, dass sich auf Facebook an dieser „Veranstaltung“ 98.000 Menschen beteiligen würden. Diese Jugendlichen gingen auf die Straße, um zu demonstrieren, sie demonstrierten ohne Führung aus dem anderen Drittel der Bevölkerung, ohne ideologische Zugehörigkeiten und ganz sicher ohne jede Beziehung zu den überkommenen ägyptischen Parteien. Sie forderten einen Systemwechsel und ihre legalen politischen Rechte, und wir schlossen uns ihnen an. Dank dieser Jugendlichen hatte das ganze ägyptische Volk auf der Straße zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl von Würde.

Jugendliche bewachen die Straßen

Ich schreibe diese Zeilen in der Nacht zum ersten Februar, in meiner Wohnung, mitten in Kairo, nachdem ich von draußen zurückgekehrt bin. Es waren jene Jugendlichen, die auf die Straßen gegangen waren, um den Verkehr zu regeln, nachdem sich die Polizeitruppen am Freitag, den 28. Januar, um sechs Uhr abends nach den Demonstrationen, die man auf Facebook als den „Freitag des Zorns“ bezeichnet hatte, komplett aus ganz Ägypten zurückgezogen hatten.

Es waren auch die Jugendlichen, die abends ihre Wohnviertel vor Diebstahl schützten. In jeder Straße wurden Volkskomitees zum Schutz ihrer Viertel gebildet. Sie hielten die Autos an und verlangten die Ausweise der Insassen, und das Wunderbare daran ist, dass die Fahrer den Jugendlichen Folge leisteten.

Mein Sohn, der die ganze gestrige Nacht aufgeblieben ist und sich mit einem Knüppel in der Hand zusammen mit anderen Nachbarn, die er vorher nicht kannte, auf die Straße gestellt hat, erzählte mir, dass unsere Wohnungen ohne ihn und die Nachbarn wohl von Einbrechern aufgebrochen und ausgeraubt worden wären.

Diese Jugendlichen erblickten unter der Regierung von Präsident Mubarak das Licht der Welt, sie alle wurden nach 1981 geboren und erlebten unter seiner Präsidentschaft die schlimmste Zeit des modernen Ägypten. Schon von klein auf lernten sie, dass nur Korruption unsere Probleme lösen könne, dass man nur mit Stiefellecken weiter komme und nicht durch Qualifikation. Genauso haben diese Jugendlichen gelernt, dass man ein Lügner und Heuchler sein muss, um im Schoß dieser Gesellschaft leben zu können.

Als ein Polizist einmal das Auto meiner Tochter anhielt, fand sie es keineswegs anstößig, ihn zu bestechen, um gleich weiterfahren zu können. Mir hingegen fällt so etwas äußerst schwer, und es erinnert mich an die Epochen des Untergangs in der ägyptischen Geschichte. Im Geschichtsunterricht haben wir gelernt, dass sich zu Zeiten der sechsten Dynastie, das heißt vor etwa 4 500 Jahren, die Korruption im ganzen Land ausgebreitet hatte.

Auf den Papyrusrollen aus jener Zeit steht geschrieben, dass es sogar schon so weit ging, dass ein Polizist Geld nahm, damit er seine Arbeit tat. Jene Jugendlichen wurden Zeit ihres Lebens genau wie das ganze übrige ägyptische Volk tagtäglich von einer Gesellschaft beleidigt, deren Regierung vollkommen darin gescheitert ist, ihr Ziel einer gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung zu verwirklichen.

Und dies unter dem Beifall der USA, weil der ägyptische Präsident sich an das magische Rezept des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank hielt, um das Land zu zerstören, nachdem jene Institutionen bereits die Ökonomien großer Staaten auf der Welt zerstört haben, angefangen mit den lateinamerikanischen Staaten in den Siebziger- und Achtziger- jahren des letzten Jahrhunderts.

Auch die EU hat Diktatoren Beifall geklatscht

Auch die EU hat einem diktatorischen Staat wie Ägypten Beifall geklatscht, weil er den Frieden mit Israel einhält und die wirtschaftliche Öffnung garantiert. Die USA fordern von den arabischen Staaten, welche nichts anderes sind, als ihre Marionetten, dass sie amerikanisch und diktatorisch zugleich sind, dass sie geliebt werden und volksnah und nett sind und sich an demokratische Formen halten, und das ist in der Realität nicht möglich.

Und Europa folgt den USA, indem es sich mit brillanten und leeren Parolen über Menschenrechte auf dem Mars begnügt. Die ägyptischen Jugendlichen gingen auf die Straße und hielten Slogans hoch, auf denen stand: „Nein zur Armut, nein zur Arbeitslosigkeit und nein zur Gaunerei“. Auf diesen Demonstrationen wurde rasch durch den Anschluss aller Gruppierungen des ägyptischen Volkes eine einzige logische Forderung erhoben, nämlich der Sturz des Regimes von Mubarak.

Als sie am Dienstag, den 25. Januar, auf die Straßen strömten, ging die Polizei mit äußerster Gewalt vor. Als sich Tausende abends in Kairo auf dem Midan al-Tahrir, dem Platz der Befreiung, versammelt hatten – und ich war einer von ihnen –, beschoss uns die Polizei mit Wasserwerfern, um uns auseinanderzutreiben. Und was taten diese Jugendlichen, als sie fortgingen, nachdem die Polizei so brutal vorgegangen war?

Sie verteilten Tüten, um den Müll einzusammeln, und säuberten den Platz. Dies war eine eindeutige Botschaft an alle, dass sie zwar demonstrierten, dass ihnen aber auch an der Sauberkeit ihrer Stadt gelegen war. Wir haben zu Universitätszeiten oft demonstriert, aber es wäre uns nicht in den Sinn gekommen, unseren Müll wegzuräumen. Genauso glaube ich nicht, dass die Jugendlichen der Revolte von 1968 in Europa die Straßen gesäubert haben, nachdem sie von der Polizei geschlagen wurden.

Was geht in diesen Jugendlichen vor? Ich weiß es nicht mit Bestimmtheit, aber ich weiß sicher, dass sie sich von unserer Generation unterscheiden.

„Intifada von Dieben“

Am „Freitag des Zorns“ hatte man vom frühen Morgen an das Mobilfunknetz gekappt und schon am Tag vorher das Internet gesperrt. Man behandelt das ägyptische Volk wie Schafe und nicht wie Menschen. Ich ging mit meiner Familie und einer Gruppe von Freunden um zwölf Uhr mittags hinaus, um an den Demonstrationen teilzunehmen.

Wir liefen vom Mohandissin-Viertel in Richtung Dokki-Platz, dann zum Dschala-Platz, und auf dem Weg sah ich mehrere Gruppen, die kostenlos Mineralwasser verteilten. Großartig! Wer den Preis für diese Flaschen Wasser bezahlt, wissen wir nicht. Und als die Polizei begann, uns brutal mit Tränengasbomben zu beschießen, überraschten uns Jugendliche, die feuchte Tücher mit Zitronenduft verteilten. Das linderte den Schmerz in den Augen und auf den Gesichtern.

Auf dieser Demonstration traf ich viele Schriftstellerfreunde und Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, die meisten aus der oberen Mittelschicht. Die Organisatoren dieser wahren Revolution sind die gebildeten Jugendlichen, die der oberen Mittelschicht der Gesellschaft entstammen.

Als sich am Freitag der Abend niedersenkte, wurden wir alle von der Entscheidung des Innenministeriums überrascht, die Polizei komplett zurückzuziehen. Man hatte die Zellen auf den Polizeiwachen geöffnet und Diebe und Gauner freigelassen, dann folgte die überraschende Entscheidung Mubaraks, eine Ausgangssperre zu verhängen, um den Weg frei zu machen für Plünderungen und Chaos.

Ich dachte bei mir, dass das eine klassische Verschwörung ist, um die Revolte der Jugend in eine „Intifada von Dieben“ zu verwandeln.Es ist das gleiche Szenario, das Anwar as Sadat in Zusammenhang mit den Demonstrationen vom 18. und 19. Januar 1977 inszeniert hatte, welche sich von Alexandria bis Assuan ausgebreitet hatten und die Sadat als die „Intifada von Dieben“ bezeichnet hatte.

Am gleichen Freitagabend hörten wir von überall Meldungen über Einbrüche und Plünderungen von Geschäften, und dann kam die katastrophalste Nachricht, die Nachricht über etwas, was ich in erster Linie als Hochverrat betrachte: Neun Personen waren über die Feuerleiter in das Ägyptische Museum am Tahrir-Platz eingedrungen und hatten einige Schätze aus der Pharaonenzeit zerstört, unter anderem eine Holzstatue aus der Sammlung von Tutanchamun.

Danach erfuhr man, es seien Männer des Innenministeriums gewesen. Sie haben unsere Schätze nicht gestohlen, sondern zerstört. Ist es schon so weit gekommen? Die Zerstörung der Geschichte der Menschheit angesichts einer Revolte des Volkes gegen die Diktatur?

Menschenkette um kulturelle Schätze

Auf der einen Seite wird Chaos verbreitet, auf der anderen die Botschaft in die Welt geschickt, dass unsere Altertümer von Islamisten angegriffen wurden, weil es Götzen seien. Diese Botschaft soll sagen, dass die Islamisten auf dem Vormarsch sind und dass, wenn ihr uns nicht sofort unterstützt, die Macht in Ägypten von eurem Feind, der salafistisch-islamistischen Strömung übernommen wird. Eine unglaubliche Verschwörung gegen Ägypten!

Aber die Bilder lügen nicht. Es wurden tatsächlich einige alte ägyptische Figuren zerstört. Was für eine Tragödie! Wie Wasserfälle brachen zu Hause die Tränen hervor. Meine Frau begann vor Kummer zu schreien und sich, wie die Frauen es aus Trauer über den Tod ihres Mannes tun, ins Gesicht zu schlagen. Die ganze Nacht fanden wir keinen Schlaf, und ich kann seitdem überhaupt nicht mehr richtig schlafen.

Eine Katastrophe, wie sie nicht schlimmer kommen kann. Sollen wir Gott danken, dass sich der Kopf von Nofretete noch immer in Berlin befindet? Wo wir doch seit Jahren fordern, dass er unbedingt zusammen mit unseren gestohlenen Altertümern in die Heimat zurückkehren müsse. Unzählige Fragen gingen uns durch den Sinn, ohne dass wir Antworten fanden.

Als die jugendlichen Demonstranten auf dem Tahrir-Platz die Nachricht erreicht hatte, bildeten sie eine Menschenkette, um das Museum mit ihren Körpern zu schützen. Ja, so ist das ägyptische Volk. Und was höre ich heute? Etwa siebenhundert Häftlinge, die aus den Gefängnissen geflüchtet sind, haben versucht, in die Totenstädte bei Luxor einzudringen, und dies in einer Situation, in der die Sicherheitskräfte nicht da waren. Die Bewohner haben sich aus eigener Initiative bemüht, die Totenstädte und die dortigen Schätze zu schützen, bis das Militär eintraf.

Man stellt das Volk mit der größten Frechheit vor die Wahl: Eure Sicherheit und euer Frieden gegen eure Freiheit. Und den Westen stellt man vor die Wahl: Wir oder der politische Islam. Dabei wissen sie nur allzu gut, dass auf den Demonstrationen kein einziger islamischer Slogan gerufen wurde. Die Demonstranten legen in aller Deutlichkeit ihre Standpunkte und ihre legitimen und eindeutigen Forderungen offen: „Das Volk will den Sturz des Regimes“ und „Mindestlohn – bevor das ganze Volk revoltiert“.

Und der Slogan „Muslime und Christen fordern Veränderung“ zeugt von einem reifen Umgang mit dem Problem der Religionsgemeinschaften, an dessen Entstehung die ägyptische Regierung nicht unschuldig ist. Meiner Einschätzung nach wird die Rolle des politischen Islam, der sich in all seinen Facetten während der letzten 35 Jahre zunehmend ausgebreitet hat, im nächsten Jahrzehnt rapide zurückgehen, denn die Bewegung des politischen Islam ist innerhalb der politischen Jugendbewegung äußerst schwach. Aber das Regime hat nichts Besseres zu tun, als mit der verbrannten Karte der islamischen Bewegung zu spielen.

Wie konnten die Häftlinge und Mörder entkommen?

Was war am Freitag um sechs Uhr abends innerhalb des ägyptischen politischen Regimes geschehen, so- dass der Staat innerhalb weniger Stunden zusammenbrach? Was war geschehen, dass das Innenministerium sich von jeder Handbreit ägyptischen Bodens zurückzog? Man muss wissen, dass es in Ägypten mehr als eine Million Polizisten gibt. Wie konnten die Häftlinge und Mörder entkommen, nachdem die Gefängnisse ihre Tore geöffnet hatten?

Einige Gefangene erzählten, vermummte Männer hätten, nachdem die Polizei fort war, die Gefängnisse gestürmt, die Türen geöffnet und einige Leute erschossen. Die anderen forderte man auf, zu verschwinden, sonst würden auch sie ermordet. Wer stachelte die Kinder auf der Straße und die Rowdys in den Slums an, die Geschäfte zu überfallen und zu plündern? Wie konnte in so vielen Polizeiwachen Feuer ausbrechen?

Als Antwort auf genau diese Fragen kamen Gerüchte auf, die bekräftigten, dass das Feuer in den Wachen von den Polizisten gelegt wurde, um Akten zu vernichten, die Beweise der Beteiligung der Polizei an der Korruption enthielten. Wie kam es zum Brand in Unternehmen und vielen Gebäuden? War es Nero, der Rom anzündete, bevor er ging? War es König Faruk, der Kairo im Januar des Jahres 1952 anzündete, sechs Monate vor seinem endgültigen Fortgang?

Fragen, auf die niemand eine Antwort weiß, denn bis jetzt kennen wir weder die genauen Details des Feuers von Kairo im Januar 1952 noch die Wahrheit über das Feuer in Rom zur Zeit Neros. Werden wir eines Tages die Umstände der Verschwörung vom Januar 2011 erfahren? Wer hat den Befehl gegeben? Ich weiß es nicht. Aber was ich weiß, ist, dass das, was am Abend des „Freitag des Zorns“ geschah, ein Verbrechen war, das in die Geschichte der Menschheit eingehen wird als schlimmste Verschwörung gegen die Revolution eines Volkes, um seine Geschichte in Flammen aufgehen zu lassen.

Lügen und Gerüchte

Mit dem gewaltigen Chaos wurden Lügen und Gerüchte in Umlauf gesetzt und verbreiten sich in Windeseile. Und die törichten Medien, die sehnsüchtig sind nach Lügen, Übertreibungen, großen Worten und hitzigen Parolen, richteten verheerendes Unheil an. In den Satellitensendern wurde unter Niveau und in heulendem Tonfall diskutiert. Trotzdem spielten die Satellitensender eine wichtige Rolle beim Fortgang der ägyptischen Revolutionsbewegung, denn so wie sie durch Facebook begann, erhielt sie durch die Satellitensender Nahrung, die die Forderungen in die verschiedenen Regionen Ägyptens und in die ganze Welt transportierten.

Ich möchte hier über zwei Gerüchte berichten, die ich wegen ihrer übertriebenen Dummheit und ihrer kompletten Realitätsferne ausgewählt habe, die sich aber trotzdem allzu rasch verbreiteten. Das erste Gerücht besagte, dass sich israelische Heckenschützen auf den Dächern rund um den Tahrir-Platz positioniert hätten, um die Führer der Revolte zu beschießen. Das Regime habe den verbündeten israelischen Staat um Hilfe gerufen, um die Revolte niederzuwerfen.

Obwohl das Gerücht verrückt und absurd ist, habe ich Ägypter getroffen, die mich gefragt haben, warum das nicht sein kann. Das zweite Gerücht, und es ist das Gegenteil des ersten, besagte, voll verschleierte Frauen hätten Flugblätter verteilt, in denen die Demonstranten dazu angestachelt würden, die Sicherheitsleute und Angehörige des Militärs zu töten; dann habe man herausgefunden, dass es Ausländer aus der Schweiz seien.

Der Leser darf hier ruhig lachen, auch wenn das, was wir erleben, absolut nicht zum Lachen ist. Aber übrigens, was das Lachen betrifft, so ist es ohne jeden Zweifel „made in Egypt“, denn einer der Demonstranten hatte auf ein Schild, das er in die Höhe hob, die Aufforderung an Hosni Mubarak geschrieben: „Hau endlich ab ... mir tut schon der Arm weh“.

Seit Samstag mussten wir Meldungen über Tote lesen, die von den Kugeln des Regimes getötet worden waren. Und die Anzahl der Ermordeten stieg stetig. Die Leichenbegängnisse setzten sich mit den Totenbahren in Bewegung und bildeten neue Demonstrationen. Viele Angehörige von Märtyrern feierten ihre Söhne, und Slogans wurden laut: „Diese Nacht werden wir feiern, jubiliere, du Mutter des Märtyrers.“

Täglich kam es zu neuen Demonstrationen, in denen die wahre Natur des ägyptischen Volkes offenbar wurde. Wir haben viel auf theoretischer Ebene über die Zivilisation des ägyptischen Volkes und über seine großartige Geschichte gesprochen, die in weit zurückliegende Zeiten zurückreicht. Aber ich habe niemals vorher die praktische Anwendung dieser Zivilisation gesehen wie in den letzten Tagen. Bei dieser Revolte erschien vor uns der ägyptische Mensch, der sogar fröhlich ist, wenn er für den Sturz des Regimes skandiert.

Und in dem herrschenden Chaos hat er bewiesen, dass er fähig ist, die Stabilität herzustellen, derer er sich seit Jahrtausenden erfreut. Auf den Demonstrationen wurdest du gefragt, ob du hungrig bist, denn man habe einen Sandwich übrig, das die Mutter vorbereitet habe; ein anderer bot dir ein Glas heißen Tee an. Ein Volk, das bewiesen hat, dass man es unmöglich verachten kann, seine Forderungen sind deutlich, ehrenhaft und eindeutig.

Diebe brachten Diebesgut zurück

Wisst ihr, was am Freitag geschah, nachdem die Polizei den Einbrechern befohlen hatte, zu stehlen und zu plündern, um Chaos zu verbreiten? Man kann es nur schwerlich glauben, aber es ist wahr. Einige dieser Diebe und Marginalisierten brachten die Waren, die sie am Freitag und Samstag aus den Läden geplündert hatten, ab Dienstag zurück, dem Tag des Millionenprotests. Ich selbst habe einige Bewohner des Viertels Boulaq al-Dakrour rufen hören, während sie das Diebesgut hinbrachten: „Wir sind Boulaqer, aber keine Diebe.“ Ein zivilisiertes, gutherziges und großartiges Volk, das einen Herrscher verdient, der zu ihm passt.

Was aber tat das andere Drittel unseres Volkes, jene über Fünfundzwanzigjährigen? Oder jene über Fünfzigjährigen, die vielleicht nicht mehr als zehn Prozent des ägyptischen Volkes ausmachen? Sie versuchten, die Revolution der Jugend zu stehlen. Wer immer dazu in der Lage war, versuchte, auf den Zug der Revolution aufzuspringen und im Namen der Jugend zu sprechen. Einige Führer von Parteien, die es gar nicht gibt, sprangen auf den Zug auf. Auch Dr. Mohammed Baradei, der absolut nichts mit Politik zu tun hat.

Gestern richtete einer unserer großen Musiker seine Worte an Baradei: „Wir lieben Sie, aber wir lieben Sie so wie den ägyptischen Obelisk in Paris. Sie haben mit uns nichts zu tun, bleiben Sie in Ihrem Haus in Wien und versuchen Sie, sich nicht den Kopf verdrehen zu lassen von den Worten ausländischer Führer, die Ägypten so gut kennen wie wir den Südpol. Sicher haben Sie internationale Beziehungen, aber Sie haben keine ägyptischen Beziehungen. Sie wissen nichts über uns.“

Auch andere haben versucht, die Revolution zu stehlen. Alle sollen verstehen, dass die Forderungen des Volkes und die Forderungen der Jugend klar sind: der Sturz von Hosni Mubarak; die Auflösung des Parlaments; die Annullierung der Notstandsgesetze, die seit Mubaraks Machtübernahme vor dreißig Jahren verhängt sind; die Abänderung derjenigen Artikel der Verfassung, die grundlegend die Art der Wahl des Präsidenten der Republik und seine Befugnisse betreffen; die Begrenzung der Präsidentschaft auf zwei Wahlperioden; die Bekämpfung der Korruption; Meinungsfreiheit; die Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit. Dies alles sind klare Forderungen, die keine Herren brauchen, welche die Revolution stehlen, um sie auszusprechen.

Was wir erleben, braucht eine wahre Revolution

Was wir in Ägypten erleben, braucht eine wahre Revolution. Ich werde nun zum Schluss auf das Buch „Die Warnungen von Nepi“ eingehen, das aller Wahrscheinlichkeit nach vor mehr als viertausend Jahren in der Epoche der neunten Dynastie geschrieben wurde. Es wird als wichtiges literarisches Buch betrachtet, denn in der nächsten Periode wurden sogar einige Seiten daraus als literarisches Vorbild in den Schulen gelehrt. Hier werden die Korruption und das Chaos beschrieben, ähnlich dem, wie wir es erlebt haben und was dann zur Revolte der Jugend führte:

„Die Erde ist wie eine Töpferscheibe geworden. Der Dieb wurde zum Besitzer von Reichtum und der Nil verwandelte sich in Blut, das die Menschen anekelt. Die Krokodile haben sich voll gefressen mit dem, was sie raubten. Das Lachen wurde ausgerottet, so dass es nicht mehr zu hören ist, während die mit Leid vermischte Trauer im ganzen Land spazieren geht, denn das Land ist ein brennendes Nest und die Menschheit ist am Ende. Die Menschen hassen das Leben, so dass jeder von ihnen sagt: „Oh wäre ich doch schon vorher gestorben!“

Aber heute, viertausend Jahre nach dem Text von Nepi, sage ich zu ihm, dass ich mich zu den Glücklichen auf der Welt zähle, weil ich nicht gestorben bin, bevor ich Zeuge wurde, wie sich das ägyptische Volk erhebt, um das ausmerzen, was du über seinen finsteren Zustand geschrieben hast. Es ist ein erster Schritt auf dem Weg, auf dem die vier Milliarden Menschen unter vierzig Jahren auf der ganzen Welt eine neues System schaffen werden, das den Platz der abgenutzten Weltordnung einnehmen wird, die nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurde und die heute im Sterben liegt und nur darauf wartet, dass jemand ihr Grab gräbt.

1 Kommentar:

  1. Wunderbar...vielen Dank für diesen Artikel.

    Endlich mal was mit Tiefgang aus dem realen Ägypten, von einem realen Ägypter.....hier und jetzt.

    ;)

    rugay

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