Aktuell

Dienstag, 8. Februar 2011

Zugeführt, festgehalten, bedroht


Ägyptische Soldaten als Sperrriegel zwischen Demonstranten und Mubarak-Sympathisanten (Foto Mohammed Abed/AFP-Getty Images)

Nicht nur der Geheimdienst, auch die Armee beteiligt sich an Schikanen und Repressionen gegen ausländische Journalisten in Kairo – ein Erfahrungsbericht

Zunächst schien der Soldat noch hilfsbereit, bot sogar an, uns zum Tahrir-Platz zu begleiten. Dann führte er uns allerdings nicht dorthin, von wo aus wir über die Demonstrationen am „Tag der Abreise“ berichten wollten, sondern zum Innenministerium. Der nächste Soldat, der uns vor diesem Ministerium begegnete, war weniger freundlich. Er befahl uns, mit hinter dem Kopf verschränkten Händen und mit dem Gesicht zur Wand auf die Knie zu gehen. Dieser Befehl wurde schnell wieder von einem weiteren Soldaten zurückgenommen.



Man verlangte Auskunft über unsere Identität und über die Stempel in unseren Pässen, die von einem Grenzübertritt nach Gaza und aus Tunesien sowie Afghanistan stammten. Bald waren wir nicht mehr die Einzigen, die dort an die Wand gelehnt saßen. Ein Journalist aus Neuseeland, ein weiterer Brite, ein Däne, ein Italiener und drei Studenten aus Frankreich waren zu uns gestoßen. Dann kamen zwei Polizisten in Zivil, die noch unfreundlicher waren als die Soldaten. „Israelis?“, fragte einer. Nein, Briten lautete unsere Antwort. Dann wurden uns die Telefone abgenommen. Es folgte die Durchsuchung der Taschen des Dänen sowie der drei französischen Studenten.
Verdächtige Tabletten
Der Mann, der uns befohlen hatte niederzuknien, setzte sich neben einen gepanzerten Mannschaftswagen. Mit großer Geste nahm er fünf oder sechs Paar Handschellen heraus und arrangierte diese an einer Stange hinter einem Metallschild. Plötzlich zog die Packung Halsschmerz-Tabletten meines Kollegen Jack Shenker die Aufmerksamkeit auf sich. Ein Soldat nahm sie mir aus der Hand und forderte zu wissen, worum es sich dabei handele. Das Staatsfernsehen hatte berichtet, dass die Proteste auf dem Tahrir-Platz von Ausländern dirigiert würden, die Drogen unter den Demonstranten verteilt hätten, und dass die ausländische Presse Lügen verbreite.
Soweit der Hintergrund unserer Verhaftung in einer Stadt, die mit rasanter Geschwindigkeit in Anarchie und gegenseitiges Misstrauen abgleitet. Eindeutig hatte die Armee Anweisung gegeben, uns zu schikanieren. Diese Erfahrung betrifft bei weitem keinen Einzelfall. In den vergangenen Tagen sind Journalisten im Rahmen einer offenbar koordinierten Kampagne festgenommen, geschlagen, bedroht, sogar niedergestochen worden. Kameras wurden beschlagnahmt und zerstört, man ging auf Crews los, Hotel- und Büroräume wurden durchsucht.
Inzwischen entspannte sich unsere Lage vor dem Innenministerium ein wenig. Ein paar der jungen Soldaten sprachen Englisch. Wir unterhielten uns über Fußball und den Hollywood-Schauspieler Russel Crowe. Sie gaben uns Chips und Zigaretten, es war uns erlaubt, einzeln aufzustehen und unsere Glieder auszustrecken. Einer der Soldaten warnte ausdrücklich vor dem vorgesetzten Zivilbeamten. Der sei „verrückt“, und wir seien unglücklicherweise in den falschen Checkpoint geraten.
Immer wieder hielt man uns an
„Ich werde einen Deal mit euch machen“, sagte Ahmad, der „verrückte“ Beamte, nach anderthalb Stunden. „Ich werde euch gehen lassen, aber ich habe Angst um euch.“ Dies wiederholte er mehrmals. „Das nächste Mal, wenn ihr in die Nähe des Tahrir-Platzes kommt, werden die Dinge nicht so gut laufen. Versteht ihr? Geht weit weg von hier.“
Ein Soldat brachte uns an den Rand der Absperrung und winkte uns hinaus. Allerdings fingen unsere Probleme da erst an. Kaum hatten wir es geschafft, ein Taxi zu erwischen, wurden wir von einer Gruppe Bewaffneter angehalten. Zwei Männer sprangen in das Auto. Einer von ihnen nahm unsere Pässe an sich, während der andere eine große Machete in den Händen wiegte. Hinter uns standen zwei Männer auf der Stoßstange des Wagens, doch wenig später ließ uns eine Gruppe von Soldaten wieder frei, nachdem sie ebenfalls unsere Dokumente untersucht hatten.
Erneut versuchten wir zum Hotel zurückzukehren, doch inmitten einer Revolution ist das kein einfaches Unterfangen. Es herrschten Paranoia und Gewalt. Ungefähr alle hundert Meter warf sich einer der Männer, die in Gruppen mit Messern und Metallstangen am Straßenrand standen, vor unser Auto, um uns aufzuhalten, und verlangte unsere Pässe.
Ein Soldat hielt uns davon ab, zu unserem Hotel zu kommen und schickte uns in eine andere Richtung. Wir konnten bereits das Gebäude sehen, in dem wir nahe des Tahrir-Platzes wohnten, fanden uns aber plötzlich inmitten einer Menge von Mubarak-Anhängern wieder. Immer wieder wurden die gleichen Fragen in unsere Richtung gebellt. Inzwischen hatten wir uns entschieden, zu versuchen aus dem Stadtzentrum herauszukommen und ein anderes Hotel im Stadtteil Zamalek auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses anzusteuern. Aber weitere Männer bestiegen unser Auto. Sie behaupteten, uns ins Hotel begleiten zu wollen. Wir verstanden aber, wie sie sich auf Arabisch darauf verständigten, uns wieder zur Armee, diesmal ins Verteidigungsministerium, zu bringen.
Erneut wurden wir verhört, dieses Mal von Soldaten in den Räumen des Staatsfernsehens. Unterdessen wuchsen in uns Angst und Verdrossenheit darüber, dass unser Ziel und dessen relative Sicherheitund nur wenige hundert Metern entfernt waren. Doch noch waren wir nicht dort, noch lagen zwischen uns und dem Hotel auf der Hauptstraße Massen von Mubarak-Leuten. Wir baten dreimal um Geleit durch einen höheren Offizier, doch man zuckte nur mit den Schultern und verneinte. Stattdessen wurden wir zu Fuß von ein paar Mitgliedern der Bürgerwehr aus der Nachbarschaft zurück begleitet, durch winzige, dreckige Gassen, die von jungen Männern mit Schwertern, Messern und Schlagstöcken bewacht wurden, die uns anlachten und begrüßten, als sie erkannten, dass wir in Begleitung ihrer Nachbarn waren.
Endlich, zum ersten Mal seit Stunden fühlten wir uns sicher.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen