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Freitag, 10. Dezember 2010

„Das ist ein Datenkrieg“

Der Onlinebezahldienst PayPal hat es offenbar mit der Angst bekommen. Nachdem WikiLeaks-Sympathisanten am Donnerstag erfolgreich die Server der Kreditkartenriesen Visa und MasterCard lahmgelegt hatten, gab PayPal überraschend die eingefrorenen Spendengelder für WikiLeaks frei.
Außerdem rechtfertigte sich PayPal - das wie eben auch Visa, MasterCard und andere Finanzunternehmen unter dem Druck der USA den Kontakt zu WikiLeaks abgebrochen hatte - mit einer geradezu flehentlichen Bitte um Verständnis im eigenen Firmenblog: Das Spendenkonto für die Enthüllungsplattform sei allein wegen der Verletzung der Geschäftsbedingungen gesperrt worden.

„Eine größere Geschichte“

Die PayPal-Geschäftsbedingungen wurden laut John Muller, dem Leiter der Rechtsabteilung des Unternehmens, durch die möglicherweise gesetzwidrige Tätigkeit von WikiLeaks verletzt. Grundlage für diesen Verdacht sei der Standpunkt des US-Außenministeriums, wonach das Internetprojekt im Besitz von Dokumenten sein könnte, die unter Verletzung von US-Gesetzen beschafft worden seien.
Muller schrieb außerdem im Firmenblog: „Wir verstehen, dass die Entscheidung von PayPal zum Gegenstand einer größeren Geschichte geworden ist, bei der es rund um die Aktivitäten von WikiLeaks auch um politische und juristische Debatten und um die Meinungsfreiheit geht.“ Neben Hackerattacken fürchtet PayPal auch zivilrechtliche Klagen von Spendern.

Bis zu 1.700 Personen an Attacke beteiligt

Die Cyberguerilla hatte zuvor einen weiteren Beweis ihrer Macht geliefert: Nach massiven Hackerangriffen auf die Internetpräsenz von MasterCard war in der Nacht auf Donnerstag auch Visa das Ziel von DDOS-Angriffen („Distributed Denial of Service“). Dabei wird ein Webserver mit Unmengen von Daten geflutet und dadurch blockiert. Beide Firmen hatten angekündigt, keine Zahlungen an die Enthüllungsplattform mehr zuzulassen.
Aktivisten der „Anonymous“-Bewegung, die sich zu den Hackerangriffen bekannte, hatten die Attacke auf Visa außerdem eine Stunde vorher über den Kurzmitteilungsdienst Twitter angekündigt. Angeblich beteiligten sich zeitweise mehr als 1.700 Personen an den Angriffen. Während sich die Server von Visa im Lauf des Donnerstags wieder erholt hatten, war MasterCard weiterhin großteils offline.

Amazon im Visier

Nun soll nach Angaben von WikiLeaks-Unterstützern auch der US-Internetriese Amazon ins Visier genommen werden. Die Hackergruppe „Anonymous“ rief am Donnerstag über den Kurznachrichtendienst Twitter dazu auf, im Rahmen der „Operation Payback“ („Operation Rache“) die Internetseite www.amazon.com massenhaft zu attackieren. Laut BBC widerstand Amazon offenbar bisherigen Angriffen.
In der vergangenen Woche hatte Amazon WikiLeaks von seinen Servern verbannt. Das Internetversandhaus, das als Dienstleister auch Platz auf seinen Servern an Kunden rund um die Welt vermietet, warf WikiLeaks eine Verletzung der Nutzungsbestimmungen vor, wonach alle Kundenwebseiten im Besitz der Nutzungsrechte jener Inhalte sein müssen, die auf der Seite veröffentlicht werden.

Bis in schwedische Regierung vorgedrungen?

Gegen die Hacker scheint derzeit kein Kraut gewachsen: Als etwa der Internetdienst Twitter das Profil mit den Mitteilungen von „Anonymous“ sperrte, richtete die Gruppe einfach ein neues Profil ein, das zum dezentral organisierten Chatdienst IRC umleitete. Dort dürften auch die Codes für die DDOS-Angriffe verteilt worden sein, an denen sich angeblich bis zu 1.700 Personen beteiligten.
Auch schwedische Behördenseiten sind wegen des Haftbefehls gegen WikiLeaks-Chef Julian Assange weiterhin im Visier der Hacker. Die Webpräsenz der schwedischen Anklagebehörde ging bereits mehrmals in die Knie, in der Nacht auf Donnerstag gelang es den Hackern zudem angeblich, bis in die schwedischen Regierungsserver vorzudringen. Die schwedische Regierung wollte das am Donnerstag weder bestätigen noch dementieren.

Kein „handelsüblicher Krieg“

Die Attacken sollen sich zudem noch ausweiten. Ein Vertreter von „Anonymous“ sagte am Donnerstag gegenüber der britischen BBC, die „Bewegung“ wachse ständig: „Ich glaube, dass ein Krieg daraus wird, aber nicht ein handelsüblicher Krieg. Das ist ein Datenkrieg. Wir versuchen, das Internet frei und offen für jedermann zu halten, so wie es das Internet immer war.“
Konsequenzen hat der Kampf im Internet aber auch für die Hacker. Am Donnerstag nahm die niederländische Polizei in Zusammenhang mit den Hacker-Angriffen von Wikileaks-Unterstützern einen 16-jährigen Verdächtigen fest. Der Jugendliche stehe im Verdacht, sich an Angriffen auf mehrere Websites unter anderem von Mastercard und Paypal beteiligt zu haben, erklärte die Staatsanwaltschaft in Amsterdam.

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