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Mittwoch, 15. Dezember 2010

Der Risiko-Tsunami

NEW YORK: Es ist Zeit, dass die G20 ihr Mandat, sich auf Schritte zur Stabilisierung der Weltwirtschaft zu einigen, ernst nimmt und diese auf einen nachhaltigeren Wachstumskurs bringt. Stattdessen benimmt sich die G20 wie ein Debattierklub, und der kooperative Ansatz, den sie zu Beginn der Krise förderte, ist dabei, einer Vielzahl häufig rücksichtsloser einseitiger Maßnahmen ihrer Mitglieder Platz zu machen.




Doch es gibt erhebliche Risiken für die wirtschaftliche Stabilität und den Wohlstand der Welt, die es dringend in Angriff zu nehmen gilt. Irland hat Europa seine zweite staatliche Schuldenkrise in diesem Jahr beschert, und die Kapitalmärkte legen inzwischen ein schizophrenes Verhalten an den Tag: Als Reaktion auf die Gefahr eines Übergreifens der Krise auf andere europäische Länder einerseits und die quantitative Lockerung in den USA andererseits jagen die Investitionen derzeit über den Atlantik hin und her.

Zugleich strömt Kapital in die Schwellenländer, wo höhere Zinsen gezahlt werden, und baut dort Inflationsdruck auf, treibt die Preise von Vermögensgütern in die Höhe und setzt die Währungen dieser Länder einer deren Wettbewerbsfähigkeit bedrohenden Aufwertung aus – kurz gesagt, Verzerrungen und politische Kopfschmerzen, die unkonventionelle Verteidigungsreaktionen erfordern.

Die Wachstums- und Beschäftigungsprognosen für die hoch entwickelten Länder sind zurückgegangen – eine verzögerte Anerkennung der Realität einer lang andauernden, schwierigen Erholung und neuen, nachkrislichen „Normalität“. Die Haushaltsdefizite werden angesichts niedrigerer und realistischerer Wachstumsprognosen jetzt auf kurz- bis mittelfristige Sicht als gefährlicher eingestuft als zuvor.

In den USA glauben manche Politiker, dass die Abschwächung des Wachstums und die hohe Arbeitslosigkeit eine politische Reaktion erfordern. Vor dem Hintergrund einer zyklischen Mentalität und ausgeschöpfter finanzpolitischer Spielräume ließe sich eine neue Runde der quantitativen Lockerung (QE2) ggf. als Strategie verteidigen, um das Risiko einer weiteren Abschwächung der Vermögensmärkte (vor allem des Häusermarktes) und der Bilanzen der privaten Haushalte – und damit der Möglichkeit einer Deflationsdynamik – abzumildern.

Anlass zu Sorgen gibt, dass die QE2 in den USA anscheinend als Wachstumsstrategie betrachtet wird. Sie ist keine, außer man geht davon aus, dass die niedrigen Zinsen den Entschuldungsprozess des privaten Sektors umkehren, den Verbrauch ankurbeln und die Sparquote senken werden – ein ebenso unwahrscheinliches wie wenig wünschenswertes Szenario. Vorausgesetzt wird dabei zudem, dass sich eine Korrektur der strukturellen Schwächen der Wettbewerbsfähigkeit (möglicherweise dauerhaft) aufschieben lässt.

Die Sichtweise außerhalb der USA ist, dass die QE2 entweder ein Fehler mit negativen externen Auswirkungen oder eine politische Strategie mit dem klaren, aber nicht offen geäußerten Ziel einer Dollarabwertung ist – ein Schritt, dessen hauptsächliche negative Wettbewerbs- und Wachstumseffekte in Europa zu spüren sein dürften, nicht in China, Indien und Brasilien. Einseitige Maßnahmen in dieser und anderen Dimensionen haben die Mission der G20 untergraben, in koordinierter Weise politische Strategien von gegenseitigem Nutzen zu ermitteln und umzusetzen. Eine Mindestanforderung dafür, dass die G20 Fortschritte macht, ist, dass politische Strategien mit wesentlichen externen Effekten in den Schwellenländern und in den hoch entwickelten Ländern vorab diskutiert und soweit möglich abgesprochen werden.

Abgesehen von der Notwendigkeit, für ein paar weitere Jahre Schulden abzubauen, steht die US-Wirtschaft vor längerfristigen Problemen bei der Gesamtnachfrage, Beschäftigung und Einkommensverteilung, die nicht durch Konsum und Investitionen allein gelöst werden können. Amerika muss seinen Anteil an der weltweiten Außennachfrage ausweiten, was Investitionen des öffentlichen Sektors, Strukturwandel und eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit bei den handelbaren Gütern erfordert.

Europa kämpft derweil darum, eine Antwort auf seine Defizit- und Schuldenprobleme zu finden. Derzeit begegnet es diesen mit kurzfristigen Lösungen zur Sicherstellung der Liquidität, die Zeit zur Haushaltskonsolidierung und – da ein Wechselkursmechanismus fehlt – für irgendeinen deflationären Prozess zur Wiederherstellung der externen Wettbewerbsfähigkeit erkaufen sollen. Der Erfolg dieser Strategie ist alles andere als sicher; das wahrscheinlichste Ergebnis ist eine Abfolge von Ereignissen, bei denen die Krise jeweils auf andere Länder überspringt, und ein Vertrauensverlust auf breiter Basis gegenüber dem Euro. Das Kernproblem ist die Verteilung der Belastungen auf die Inhaber von Schuldverschreibungen, die Bürger der Defizitländer, die EU und auch auf die übrige Welt (über den Internationalen Währungsfonds).

Infolgedessen sind die Schwellenvolkswirtschaften in Gefahr. Bei einer schwachen, lang andauernden Konjunkturerholung in den hoch entwickelten Ländern können Letztere ihre relativ hohen Wachstumsraten noch aufrecht erhalten, nicht jedoch im Falle eines größeren Konjunkturabschwungs in Nordamerika oder Europa (oder beiden), einem ernsten Ausbruch von Protektionismus oder Instabilität an den globalen Finanzmärkten.

Zudem gehen von den großen Schwellenvolkswirtschaften inzwischen wachsende systemische Effekte für Wachstum und Beschäftigung in einer breiten Palette von Ländern aus, darunter auch hoch entwickelten Ländern. Sie müssen sich dies bewusst machen. Die alten Asymmetrien verblassen, und im Kern der Koordinierung der globalen Wirtschaftspolitik stehen nun neue Verteilungsherausforderungen.

Während des größten Teils der Nachkriegszeit wuchsen die hoch entwickelten Länder durch Ausweitung der Wissens- und Technologiebasis ihrer Volkswirtschaften. In einer sich rasch öffnenden Weltwirtschaft haben die Schwellenmärkte gelernt, Zugang sowohl zur Technologie als auch zu den Märkten zu gewinnen, und sind daher in einem nie da gewesenen und sich weiter beschleunigenden Tempo gewachsen.

Die mit dem Wandel der weltwirtschaftlichen Aktivität und damit verbundenen Strukturentwicklungen in allen Volkswirtschaften einhergehenden Verteilungseffekte waren überwiegend unkritischer Art. Aber dies war keine zwangsläufige Entwicklung. Es kam dazu, weil die hochentwickelten Länder während des größten Teils dieser Phase von den vom Markt ausgehenden Innovationen profitierten, während die Schwellenländer Wissen importierten, Waren und Dienstleistungen exportierten und nur begrenzten systemischen Einfluss auf die hoch entwickelten Volkswirtschaften hatten.

Dieses Muster ist dabei, sich zu verändern. Die Größe der Schwellenvolkswirtschaften wächst, und ihre Positionierung innerhalb der globalen Wertschöpfungskette verlagert sich rasch. Studien zu den Einstellungen in Bezug auf das sich herausbildende globale Wirtschaftssystem zeigen sich verstärkende Divergenzen zwischen den einzelnen Ländern sowie zwischen Untergruppen innerhalb dieser Länder. Diese spiegeln fast mit Sicherheit Unterschiede in Bezug auf die Verteilungsauswirkungen des Systems wider. Eine Steuerung der globalen Interdependenzen auf eine Weise, die die negativen Verteilungstrends abmildert, ist möglich, erfordert jedoch Weisheit und Weitsicht.

Diese Herausforderung muss im Kern der Mission der G20 stehen. Anders ausgedrückt: Es reicht nicht, sich unseres kollektiven Interesses an der Offenheit der Weltwirtschaft bewusst zu sein. Wir brauchen eine pragmatische Bereitschaft zur Anpassung von Anreizen und Ergebnissen, um Verteilungsresultate zu erzielen, die es den wichtigen Akteuren trotz der innenpolitischen Zwänge, denen sie jeweils ausgesetzt sind, erlauben, das System offen zu halten. Die Alternative sind einseitige Maßnahmen, die auf dieselben Ziele ausgerichtet sind, aber zu Ergebnissen führen, bei denen alle schlechter fahren.

Michael Spence ist Professor für Ökonomie an der Stern School of Business der New York University und Senior Fellow der Hoover Institution der Stanford University.

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