Aktuell

Montag, 26. Januar 2015

Luef, der Lügner: Wie der Witz eines SZ-Journalisten zum Eigentor wird

Ein Redakteur des Süddeutschen Verlags macht sich über den Kopp-Verlag, das Buch »Gekaufte Journalisten« und das Wort »Lügenpresse« lustig. Die Ironie dabei: Er verdreht die Wahrheit und wird selbst ein Lügenjournalist. Ist das nur Dummheit oder schon bewusste Manipulation der Öffentlichkeit?


»Dumme Gedanken hat jeder, aber der Weise verschweigt sie.« Als Wilhelm Busch das sagt, gibt es Lügen und auch schon die Presse, aber das Wort Lügenpresse gibt es noch nicht. Ein Jahrhundert später ist es das Reizwort des Jahres. Wieso? Weil Journalisten ihr Geld damit verdienen, über das zu schreiben, was sie nicht verstehen. Wovon sie gerade das erste Mal hören. Tag für Tag aufs Neue. Jedes Mal stirbt dabei nicht nur die Wahrheit, sondern auch der Glaube, dass es in den Medien um die Wahrheit geht.
Wolfgang Luef ist einer der Journalisten, die dumme, falsche Gedanken in die Welt setzen – und damit Kopfschütteln ernten. Wo man denkt: »So dumm kann der doch nicht sein, das war Absicht.« Luef will sich über den Kopp Verlag lustig machen, über das Buch von Udo Ulfkotte (Gekaufte Journalisten), über die Leser und alle, die denken: »Ich fühle mich von den Mainstream-Medien falsch informiert.«

Ein ehrgeiziges Ziel, an dem er trostlos scheitert. Informierte Leser sehen hier eher, wie Lügen in die Presse kommen und verbreitet werden.

Der Lügenjournalist zwischen Abstellgleis und Gnadenhof

Aber der Reihe nach, begleiten wir Luef ein Stück am 22. Januar 2015. Der Tag, an dem er zum Lügenjournalisten wird. Der Österreicher ist Digitalredakteur des SZ-Magazins. Die Beilage erscheint in der Süddeutschen Zeitung. Die Redaktion der berühmten Zeitung sitzt jetzt an einer glanzlosen Adresse: das SV-Hochhaus mitten im Münchner Nirgendwo.

Zwar noch in Berg am Laim, aber dort gibt es nichts. Außer einem Gnadenhof für alte Klepper an der A94 und viele Abstellgleise der Deutschen Bahn. Deshalb nehmen die Redakteure des Süddeutschen Verlags nach getaner Arbeit die Beine in die Hand, um möglichst schnell wieder wegzukommen.

Aber noch liegt der Arbeitstag vor Wolfgang Luef. Er steigt missmutig am S-Bahnhof in der Nähe aus und läuft über die Truderinger Straße durch die Unterführungen. Dann sieht er es: ein riesiges Plakat des Kopp Verlages.

Die Lüge …

Einen Schnappschuss mit dem Handy und einen Tweet, so blamiert sich Luef vor ganz Deutschland. Er schreibt auf Twitter: »Ironie ist, wenn der Kopp-Verlag seinen Ulfkotte-Lügenpresse-Titel ausgerechnet mit dem SPIEGEL-Logo bewirbt.« Die billigen Lacher auf Twitter folgen: Über die Lügenpresse schreiben, aber sich mit der Lügenpresse schmücken. Haha.


… und die Wahrheit

Vor dem Lachen sollte man aber erst einmal nachdenken. Oder sich neue Kontaktlinsen kaufen. Die scheint Wolfgang Luef bitter nötig zu haben. Das Logo auf dem Plakat ist nicht das des SPIEGELs, dort steht »Der SPIEGEL Bestseller«.

Das ist – wie der Name schon sagt – eine Liste der meistverkauften Bücher Deutschlands. Ermittelt von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), einem Marktforschungsinstitut. Dafür werden die Verkäufe von 2.100 deutschen Buchhandlungen abgefragt. Das SPIEGEL-Magazin hat damit nichts zu tun, aber dort wird die Liste abgedruckt.

Alles nur Dummheit?
Die Liste könnte jeden anderen Namen tragen, sie ist aber die einflussreichste Bestseller-Liste Deutschlands. Der Kopp-Verlag wirbt auf dem Plakat also nicht mit dem Namen des SPIEGELs, das Buch wird einfach nur ziemlich gut verkauft. Einen Grund dafür muss es wohl geben, womit wir wieder bei den Lügen der Journalisten sind.

Also alles nur eine Dummheit von Wolfgang Luef? Hat er als Journalist eben nicht gewusst, was eine Bestsellerliste ist und was ein Nachrichtenmagazin? Wohl kaum. Er hat bewusst diesen Hintergrund verschwiegen, um die Meinung der Öffentlichkeit in eine bestimmte Richtung zu lenken. Oder kurz: Luef hat gelogen, manipuliert.

Es ist die beste Werbung, die das Buch Gekaufte Journalisten haben kann: Journalisten lügen über ein Buch, in dem es um lügende Journalisten geht. Um es wieder mit Wilhelm Busch zu sagen: »Der Beste muss mitunter lügen, zuweilen tut er's mit Vergnügen.« Aber können muss er es natürlich auch erst einmal.


1 Kommentar:

  1. Sehr interessant, bzw. schon ziemlich suspekt ist, das der Begriff Lügenpresse der Jury zum Unwort des Jahres gerade 7 mal vorgeschlagen wurde.

    Das wirft Fragen auf, wie diese komische, unabhängige Jury überhaupt ihre Entscheidung trifft?

    Man kann es unter www.unwortdesjahres.net nachlesen.
    Es gab wirklich nur 7 Vorschläge für das Wort Lügenpresse!

    AntwortenLöschen